Therapeutenkammer – der richtige Schritt in die Selbstverantwortung? Ein Statement von Dr. rer. physiol. Michael Uebele

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Die Therapeutenkammer, ein heiß diskutiertes Thema in den letzten Jahren innerhalb der Heil- und Hilfsmittelberufe in Deutschland. Zur Diskussion stehen Therapeutenkammern, die mehrere Berufsgruppen unter dem Dach einer Kammer zusammenführen wollen oder die Bildung einer berufsspezifischen Kammer (Pflegekammer, Physiotherapeutenkammer etc.).

Dass das Kammersystem Vor- und Nachteile hat, verdeutlichen die bestehenden Kammern in Deutschland. Es gibt Kammern, die sehr erfolgreich den jeweiligen Berufsstand vertreten und andere, deren Mitglieder sich eher heute als Morgen wünschen, dass die Zwangsmitgliedschaft nicht existieren würde. Diese Tatsache muss jeden, der sich mit der Thematik beschäftigt sensibilisieren.

Selbstverwaltung, Selbstbestimmung und das Standesrecht der Selbstkontrolle sind verlockende Argumente, die die Befürworter eines Kammersystems immer wieder als Begründung anführen.

Die Installation einer Berufsordnung, die den Fort- und Weiterbildungsmarkt „regelt“, die für ein Qualitätsmanagement verantwortlich wäre, die den therapeutischen Prozess definiert sowie die viel zitierte, aber nicht gelebte interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Inhalt ausfüllt, wäre sicherlich sinnvoll. Ebenso eine Berufsaufsicht, eine Berufsgerichtsbarkeit und für den Professionalisierungsprozess unerlässliche Etablierung berufsethischer Standards.

Für jede berufspolitische emanzipierte(n) Therapeutin bzw. Therapeuten der Heil- und Hilfsmittelberufe ist die Etablierung einer Kammer unabdingbar, um durch neu gewonnene Handlungsfähigkeit die Interessen des jeweiligen Berufsstandes effektiver zu vertreten.

Meines Erachtens liegt der „Haken“ in der Kontrolle der vom Staat abgetretenen hoheitlichen Rechte an die Kammer, als eine Institution des öffentlichen Rechts.

Wie uns die Realität immer wieder aufs Neue zeigt (und ich verweise auf die Studien, die sich mit der Auswirkung von Macht auseinandersetzen) bedarf die Anhäufung von Macht einer ständigen Überprüfung und Reflexion. Diese Kontrolle in einer Kammer findet durch die Vollversammlung der Mitglieder statt. Von Mitgliedern die berufspolitisch engagiert ihre Interessen auf der Vollversammlung einbringen und die Arbeit des Vorstandes einer kritischen Reflexion unterziehen.

Dieser Fakt der gelebten Kontrolle ist meiner Meinung nach ein entscheidendes Merkmal für das Funktionieren einer Kammer und für die Zufriedenheit ihrer Mitglieder.

Mein Votum für die Etablierung einer Therapeutenkammer wäre ohne Bedenken, wenn ich mehr Vertrauen in das berufspolitische Bewusstsein der Mitgliederinnen und Mitglieder der Heil- und Hilfsmittelberufe hätte.

Nach über 30 Jahren Therapeutentätigkeit in den verschiedensten Handlungsfeldern und Funktionen der Physiotherapie sowie jahrelange Erfahrung als Hochschuldozent unterschiedlicher Therapeutenberufe komme ich persönlich zu der Erkenntnis, dass mir vor allen Dingen zwei Fakten Sorge bereiten, die mein Votum zur Kammer abschwächen.

  1. Mangelndes berufspolitisches Engagement in den entsprechenden Therapeutenberufe (siehe z.B. den Organisationsgrad von Therapeutinnen(en) in einer berufspolitischen Institution). 
  2. Fehlende berufliche Identität bei einem großen Teil der Therapeutinnen und Therapeuten der Physiotherapie (diese bezeichnen sich häufig nicht als Physiotherpeutin(en) sondern als Therapeutin(en) eines Methodenkonzeptes)

Zwei wichtige Voraussetzungen, die bei Etablierung einer Kammer in einem ausreichenden Maße vorhanden sein sollten.

Ein weiterer Punkt, der mir Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass die Vergütungssituation unseres Berufsstandes abgekoppelt ist von der Institution der Kammer.

Man stelle sich vor, die Anforderungen an die Therapeutinnen und Therapeuten (Qualitätsmanagement, evidenzbasierte Therapie etc.) steigen – und das werden Sie, wenn die Kammer ihre Aufgaben ernst nimmt – und die Vergütungssituation hinkt den Anforderungen hinterher.

Diese Situation wird nicht zur Zufriedenheit der Mitglieder beitragen!

Ich bin mir sicher, die Kammer wird kommen. Vielleicht sollte sich der oder die Berufsstände noch Zeit nehmen, um die angesprochenen Schwachstellen zu korrigieren, bevor eine vorschnelle Entscheidung getroffen wird, die letztlich zu mehr Unmut führt (siehe Akademisierungsprozess und das ungelöste Problem der „Zweiklassengesellschaft“ innerhalb eines Berufsstandes).

Dr. rer. physiol. Michael Uebele
Physiotherapeut

Kommentare

Swanhild Priestley 27.03.2019, 13:31 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Uebele, ich bedanke mich sehr herzlich bei Ihnen für die tiefgründige und vorausschauende Betrachtung des Kammergedankens ins besondere in Bezug zu unserem Berufsstand. Mit der Kammer würden die Heilmittelerbringer erstmals in ihrer Geschichte mit demokratischen Strukturen ausgestattet werden. Bisher sind die Therapeuten gewohnt zu schlucken und umzusetzen, was Ihnen „von oben“ vorgeschrieben wird. Wir leben zwar in einer Demokratie, aber das Gesundheitssystem ist nach wie vor streng hierarchisch aufgebaut. Der Berufsstand der Therapeuten würde sich mit der Etablierung von Kammern nach und nach in eine junge (berufsständische) Demokratie umwandeln. Wir haben es dann natürlich mit genau denselben Problemen zu tun, die es in jeder Demokratie gibt. Je engagierter jeder Einzelne „Mitbürger“ ist, desto lebendiger und produktiver wird die Demokratie sein. Die Herausforderung ist aus meiner Sicht kein spezifisches Therapeutenproblem, sondern ein typisch menschliches. Aber sollten wir deswegen auf demokratische Strukturen verzichten und in der jetzigen Hierarchie verbleiben? Ich denke Nein! Ich denke, die Herausforderung liegt genau darin, die engagierten Therapeuten in den Kammergründungsprozess miteinzubeziehen und den Therapeuten zu helfen, die neuen demokratischen Möglichkeiten der Kammer zu erkennen und zu nutzen. Dieser Prozess kann aus meiner Sicht nicht vorher ablaufen, sondern wird gleichzeitig stattfinden.


Sienche Gotteskind / Podologie 27.03.2019, 13:48 Uhr

Ich find den Artikel gut und umfassend! Liest sich aber ein wenig so, als wenn jetzt jeder Therapeut politisch werden muss. Ich bin es nicht - aber möchte, dass wir vertreten werden. Nicht jeder wahlberechtigte Bürger ist auch wirklich Politikexperte und hat dazu auch keine Zeit. Eine Meinung zu einer Verkammerung kann sich wohl JEDER bilden und was wir haben, haben wir ja auch schon und kann nur besser werden. Eine Kammer wird nicht das Allheilmittel sein - aber ein Schritt. Ansonsten: Unbedingt eine Gemeinschaftskammer. Vielen Dank für das Engagement!!!


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